... Großpostwitzer Betriebe im Wandel der Zeiten ...


Die Hainitzer Textilindustrie bis 1945


Im Jahre 1865 kehrte der Kaufmann Emil Grützner aus Bautzen nach mehrjährigem Aufenthalt in England und Irland in seine Vaterstadt zurück. Die in jenen Ländern mächtig aufblühende Flachsspinnereiindustrie, der er sich mit besonderem Interesse widmete, ließ in ihm den Entschluß reifen, in seiner Heimat ein gleiches Unternehmen größeren Umfangs ins Leben zu rufen.
In Johann Faltis aus Trautenau (heute Trutnov) in Böhmen, dem eigentlichen Gründer der österreichischen Flachsspinnindustrie, fand er einen Freund und Förderer seiner Pläne. Die Absicht, mit ihm gemeinsam in Bautzen eine Flachsspinnerei zu bauen, scheiterten an verschiedenen Schwierigkeiten. Man fand aber in dem 7 km südlich davon gelegenen Hainitz ein sehr geeignetes Baugelände zur Errichtung einer Spinnerei von vorläufig 7.000 Spindeln. Im Mai 1866 kam dieselbe unter dem Namen Grützner & Faltis in Betrieb. Im November 1866 trat Johann Faltis aus der Firma aus und dafür trat seine Tochter, Frau Dr. Anna Porak aus Trautenau, als stille Gesellschafterin in die Firma ein. Um der steigenden Nachfrage zu genügen, wurde im Jahre 1872 durch den Neubau weiterer Spinnsäle die Spindelzahl auf mehr als 10.000 erhöht. Mitte der 70er Jahre wurde Emil Grützner von einem schweren Gichtleiden befallen, von dem er erst im Jahre 1889 mit nur 47 Jahren durch den Tod erlöst wurde. Er nahm daher am 1. September 1876 seinen Schwager Alfons Porak, Enkel von Johann Faltis und Sohn der Frau Dr. Anna Porak, als tätigen Teilhaber in die Firma auf. Im Jahre 1882 trat Emil Grützner in den Ruhestand. Mit Alfons Porak hatte die Firma einen außerordentlich routinierten und hoch befähigten Fachmann gewonnen, der das Unternehmen zu neuer ungeahnter Blüte emporführte. Er hat für sein Unternehmen, für den wirtschaftlichen Aufschwung der hiesigen Gegend und für die weitere Allgemeinheit segensreich gewirkt. Was er in sozialer Beziehung für seine Beamten und Arbeiter geschaffen hat, bleibt ihm unvergessen. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts ließ Alfons Porak vorwiegend für die aus Trautenau mitgebrachten Arbeiter Wohnhäuser bauen, die, damals im modernen Stil erbaut, dem größten Teil der Arbeiter gesunde und freundliche Wohnungen gewährten. Diese Bemühungen führte er auch im 20. Jahrhundert fort und ließ zwischen den Jahren 1902 und 1908 nochmals vier Wohnhäuser im Spreetal errichten. Sein Lebenswerk hat er aber durch den Bau einer neuen Fabrikanlage im Jahre 1909 gekrönt. Viel zu früh mußte er im Jahre 1910 aus dem Leben scheiden. Seine ältesten beiden Söhne Alfred und Alfons jr. übernahmen nun die Fabrik als alleinige geschäftsführende Inhaber, während die jüngeren beiden Söhne Anton und Viktor im Jahr 1916 als Kommanditisten eintraten. Zu dieser Zeit betrug die Spindelanzahl 13.000 Stück, und es waren ca. 700 Arbeiter beschäftigt, die zum Teil auch die zum Besitz der Firma gehörenden größeren landwirtschaftlichen Flächen bearbeiteten. Im Jahre 1931 mußte die Firma Grützner & Faltis aus unterschiedlichen Gründen Konkurs anmelden, und die Mechanische Flachsgarnspinnerei Hainitz GmbH erhielt im Jahre 1932 infolge Zuschlags den gesamten Grundbesitz. Mit Hilfe des weiteren technischen Aufschwungs sowie des steigenden Bedarfs an hochwertigen Flachs- und Werggarnen stieg die Spindelzahl im Jahr 1938 auf 200.000 Stück bei einer Arbeitskräfteanzahl von ca. 620 Personen. Der 2. Weltkrieg ging auch hier nicht spurlos vorüber. Durch Personalabgänge und Einberufung reduzierte sich der Personalbestand im Februar 1945 auf 413 Personen.

Aus der damaligen Werkschronik ist zu entnehmen:
16.04.1945:
"Heute morgen kam die Meldung. Panzeralarm! ...Bautzen wird von den Russen besetzt, am 24. April wieder befreit, der Kampf wog hin und her. Um unser Werk heulen die Granaten, brausen die Flieger. Zu unserem großen Glück bleibt das Werk unbeschädigt."
30.04.-05.05.1945
"Das Werk arbeitet wieder bis zum 4.5.1945. In der Hoffnung, daß der Kampflärm weiter nach Osten getragen werden könnte, arbeiten wir. - Aber vergebens. Am 5. Mai morgens 6 Uhr kommt die Schreckensnachricht. Der Ort Großpostwitz muß geräumt werden. ... Schweren Herzens geht es über Sohland nach dem Sudetengau."
08.05.1945
"Obwohl am 7.5.1945 abends 8 Uhr zu aller Freude Waffenruhe eingetreten war, sprengt man am 8.5. früh 2 Uhr unsere zwei schönen Spreebrücken. Dadurch wurde der gesamte Verkehr durch unser Werk geleitet, sehr zum Nachteil. Morgens gegen 9 Uhr besetzen russische Truppen den Ort."
10.05.1945
"Abends gegen 8 Uhr kehrte der Treck der Flachsspinnerei wieder aus dem Sudetengau zurück. Zur großen Freude fanden wir das Werk, die Wohnungen unbeschädigt vor, wenn auch durch Plünderungen viele Werte verlorengegangen waren. Die Zurückgebliebenen, denen durch die feindlichen Truppen kein Leid zugestoßen war und auch die Heimkehrenden hatten trotzdem schwere Tage hinter sich.
Wir alle hoffen, recht bald wieder auf unserem Arbeitsplatz wirken zu können."

Nach dem Krieg wurde die zwischenzeitlich 1943 zur Flachsspinnerei Hainitz AG umgewandelte Firma enteignet und als volkseigener Betrieb zum VEB Flachsspinnerei Hainitz.

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